Prozessualer Realismus * Für den Kunstschaffenden ist der Prozessuale Realismus eine Möglichkeit, die wahrgenommenen, empfundenen, gedachten und erlebten Erscheinungsformen im Zusammenhang mit einem konstruierbaren Kontext und einer bestimmten Bildstruktur zu einer Bilderzählung werden zu lassen.

Luka Anticevic, Begründer des Prozessualen Realismus und Leiter der Freien Akademie der bildenden Kunst und Literatur Kärnten

Education

Heidi Falk-Koller, Jahrgang 1964, ich lebe und arbeite in Reauz am Rauschelesee, Keutschach, Kärnten, Austria

Jän. 2020 * Stipendium mit Gast-Studium im Okt. 2020 an der Akademie für Malerei in Berlin, Deutschland, www.a-f-m-b.de

Sept. 2018 – Juli 2020 * Meisterklasse bei Peter Kohl und Luka Anticevic an der Freien Akademie der bildenden Künste und Literatur Kärnten, Klagenfurt am Wörthersee, Austria

2014 – 2018 * Studium mit Diplom an der Freien Akademie der bildenden Künste und Literatur Kärnten, Klagenfurt am Wörthersee, Austria

1989 – 1994 * Studium an der Alpen-Adria- Universität Klagenfurt mit Sponsion zur Magistra der Philosophie

1988 – 1989 * Studienberechtigung u.a. für Philosophie und bildnerische Erziehung an der AAU Klagenfurt

1978 – 1984 * Ausbildungen und Diplom als Frühförderin, Sonder- und Kindergärtnerin, Sonder- und Horterzieherin

Meine prozessuale Herangehensweise im Malen und deren Reflexion * Durch massive Veränderungen und Instabilitäten unserer Zeit gelangen Menschen immer intensiver, schneller und öfter in Krisen. Ihre unmittelbaren Umwelten wie Technik, Arbeit, Beziehung, Wohnen, Gesellschaft, Umwelt lösen diese oftmals auch  aus. Die Beschleunigung im Leben mit der Koppelung an höheres Alter und Krankheit von Menschen, lässt diese Umwelten und Kontexte mehrmals auch parallel “wegbrechen”. Der Mensch ist dabei oftmals auf sich selbst reduziert. Der Realismus drückt hier in extremster Form das wechselwirksame Verhältnis des Menschen zu seiner Wirklichkeit aus. Er wird auf sich und seinen Körper, als letzte scheinbar sichere Bastion zurückgeworfen, wobei auch dieser  sich dabei erschöpft und deren Kraft sich verzehrt. 

Das aus Sicht einer Einzelperson Geschilderte sehe ich als Spiegelbild der europäischen Gegenwart an, welche mir durch meine Eigenbetroffenheit auch den Grund für meinen künstlerischen Ansatz lieferte. Was hier in solchen Situationen ein einzelnes Individuum erfährt, ist in unserer modernen Zeit auf ganze Gruppierungen,  verschiedenste Berufsgruppen und differenzierteste Umwelten übertrag- und erlebbar. Es war einerseits vieles schon einmal da und doch ist es neu, sind andere Herausforderungen und Thematiken gegeben, die in das Menschsein eingreifen und es formen. Dies gilt es künstlerisch und mit erzählender Bildstruktur wahrzunehmen.

Im Rahmen meiner mir möglichen Kunst habe ich, um das Unaussprechliche erahnbar werden zu lassen, vorrangig in Acryl- und Ölfarben auf Leinen begonnen, um immer wieder die Wahl für eine feingliedrige, zerbrechliche figurale und pastose Malerei zu treffen. Sie ermöglicht es mir besonders, diese kontextuellen Bruchstellen und Kämpfe, das Leid im Körper, wie deren Integration, im Bewusstsein ihrer unvermeidlichen Unschärfe zu zeigen und sich prozessual mit mir in Verbindung zu setzen.

Die “Seele des Menschen”, so könnte man sagen, zeigt und verwandelt sich, durch entsprechende Handhabung von individuellen Farb- und Formkontrasten, der Strukturierung, Pinselstrichdynamik, des Narrativ mit vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten in seiner Umsetzung in einen “beseelten Leib”.

Über die kontinuierliche prozessuale Herangehensweise im Malen mit laufender Reflexion und Analyse und unter Einbezug der letzten Ausbildungsjahre, erkannte ich vorerst fünf Leitmotive wieder, die sich meist parallel auch als Leid-volle Motive in meinen Bildern zeigten.

Vom Leid ins Schöne * Ich nehme herausfordernde Situationen und Polaritäten des Lebens wahr, die den Menschen betreffen und Potential ins Gute und Schöne aufweisen und die das Leid, als eine fortwährende Herausforderung des Lebens, vorerst “verstecken”. Hier bringe ich Wissen aus dem Umgang mit Menschen verschiedenster sozialer Arbeits- wie Konfliktfelder pathisch ein und versuche den beseelten Leib als Ort der dialektischen Betroffenheit in meinen Bildern zu realisieren. Das Leid wird oft gleichzeitig als Hoffnung sichtbar dargestellt.

Vom Leid in den Humor * Die humorige, groteske Seite des Lebens wird sichtbar und damit das bestehende Leid akzeptiert. Oftmals sind nur noch mit Humor die schwersten Seiten des Lebens bewältigbar. Große Verluste, Trauer, traumatische Ereignisse und Erlebnisse die es zu meistern gilt erhalten hier eine lachende Seite und trägt dies zur Gesundung und Integration des Menschen im Allgemeinen bei.

Humor zeigt sich etwa auch in der Management-Methode der systemischen Struktur-Aufstellung nach Matthias Varga von Kibed als das “freie und ver-rückte” Element, welches gerade aufgrund seiner Beweglichkeit und Veränderbarkeit kreatives Potential frei werden lässt, eingefahrene Situationen anders beleuchtet und damit möglichen Lösungen zuführen kann. Humor in meinen Bildern zeigt sich, um Schwere zu überwinden und Identität zu bewahren. Dahingehend siedeln sich in meinen Werken immer wieder groteske Elemente und Figuren an, die diese Bewältigung liebevoll zeigen.

Vom Leid in die Spiritualität * Die Spiritualität wird durch Raum und Kontext als nächste, junge Dimension wahrgenommen. Eine transzendente Dimension die das Unsichtbare, Nicht-Anwesende über den Raum, das Bild hinaus bewegt und sich als laufende Herausforderung des Menschseins im Umgang mit all seinen Lebewesen, allem Lebendigen darstellt.

Prozessualer Kreislauf an Veränderung * In dieser Phase findet ein Vorgang statt, den ich als prozessualen Kreislauf der Veränderung wahrnehme mit den Fragen: Ob aus der gewonnenen Lösung des Schönen doch wieder Leid entsteht? Ob Humor und Liebe ebenso auch wieder Leid gebiert? Mit dem Wissen, dass das Schöne, Humorige, ebenso wie die Liebe(?), die Spiritualität(?) vergänglich und augenblicklich ist und sein kann,  wieder kommt, und wieder geht. “Löst” sich die vermeintlich gefundene Lösung für das Leiden wieder auf und wird zum, oder vollendet sich gar, im Nichts?

“Nichts ist für immer da” wie es in einem Song der Bösen Onkelz so zutreffend benannt wird. Nichts hat Bestand, alles ist einem Veränderungsprozess unterworfen. “Nix ist fix” so auch meine langjährige Arbeitsdevise und “alles fließt”.

Das vermeintlich Stabile und Gelöste wird in der künstlerischen Entwicklung einer weiteren Schleife der Anpassung unterzogen, um zu bestehen. Jeder weitere Schritt in der eigenen Entwicklung des Malens zeigt sich in mir selber und wird als Ausgangspunkt für das nächste Bild herangezogen und stellt wiederum neue Herausforderungen.

Im Leben wie in der Kunst ist der Prozess der Veränderung wahrscheinlich die einzig stabile Konstante. Vorerst.

Im Augenblick sein – die starke Mitte finden * In den Bildern gibt es oft Momente unterschiedlichster Gefühle, die schon im nächsten Augenblick anders und vorbei sein können. Ein kurzer Stillstand im Jetzt, ein “Schmetterlingsschlag der Flügel” und schon war er. “Geronnene Zeit” nach Ingeborg Bachmann, die Ewigkeit eingefroren, so zeigt er sich mir.

Figuren mit dem Potential von Schwäche werden hervorgekehrt und wirken trotzdem stabil. Sie sind für viele Umgebungen, Schauplätze, Geschichten einordenbar. Sie oszillieren zwischen Dominanz und Unterwerfung, sind manchmal herrisch und arrogant, manchmal in sich gekehrt und abweisend. Den spürbaren Unterwerfungs- und Dominanzpol zu vermindern um Zeit für eine gelassene und starke Mitte zu entwickeln, sind denkbare weitere Schritte, die über meine Bilder wirken können. “Werde der du bist!